Krippenwelt: innerhalb und ausserhalb

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In meinem letzten Artikel habe ich über die early childhood oder auf Deutsch die Früherziehung geschrieben. Ich möchte mich weiterhin mit diesem Thema auseinandersetzen, aber im Hinblick auf das institutionelle Wesen.

In der Schweiz nennen wir diese Einrichtung Krippe, Tagestätte oder Tagi, in Deutschland Kinderkrippe. Der grosse Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz ist, dass man in Deutschland ein Anrecht auf einen Platz hat, in der Schweiz aber nicht. In Deutschland muss man einen kleinen monatlichen Beitrag für die Betreuung zahlen, in der Schweiz fast einen halben Monatslohn. Warum?

Deutschland ist generell sozialer eingestellt als die Schweiz. In Deutschland dauert der bezahlte Mutterschaftsurlaub 1-3 Jahre lang, in der Schweiz 3-4 Monate. In der Schweiz ist die freie Marktwirtschaft sehr stark und damit auch die Zahl der selbstständigen Unternehmer. Eine Krippe zu besitzen ist ein Geschäft und Business. Der erste und wichtigste Faktor ist das Geld, weil alle Löhne und Mietkosten davon abhängen. In Deutschland gehören die meisten pädagogischen Einrichtungen dem  Staat, der Kirche oder der Gemeinde. Man hat einen fixen Lohn und fixe Arbeitszeiten. So hat man in Deutschland nicht den Leistungs- und Finanzdruck wie in der Schweiz.  Auch wenn alle Schweizer Krippen auf ihrer Homepage behaupten, die Kinder seien am wichtigsten und stünden im Mittelpunkt, ist das bei den wenigsten so. Nicht weil sie es nicht möchten, sondern weil das ganze System auf einem Businesskonzept basiert und alles von den Finanzen abhängig ist. Deswegen gehen auch so viele Krippen in der Schweiz in Konkurs. Man muss Zahlen (Kinder) produzieren, um die Mitarbeiterlöhne auszahlen zu können. Es ist ein labiles und fragiles System, das sich ständig in Wandlung befindet. Schwierige Arbeitsverhältnisse und niedrige Löhne führen bei den Mitarbeiter immer wieder zu einem burn out. Da die Schweizer Krippen dienstleistungsorientiert sind, hat man viel längere Öffnungszeiten (12-14 Stunden an einem Tag) als in Deutschland. Dazu kommen die Schichtarbeit und die ständigen Überzeiten, die kaum abgebaut werden können. So ist eine hohe Personalfluktuation nicht verwunderlich. Durch die schwierigen Arbeitsverhältnisse bleiben die meisten Erzieherinnen und Erzieher max. 1-2 Jahre an einem Ort, obwohl das gar nicht gut für die Kinder und die Erziehung ist. 13. Monatslohn oder Bonus sind Fremdworte in der schweizerischen Krippenwelt, man freut sich schon über ein bezahltes Weihnachtsessen als Dankeschön für die Arbeitsleistung. Nicht zu vergessen sind die Putz- und Kocharbeiten, die manchmal für ein Team sehr belastend sein können und auf Kosten der Betreuungszeit gehen. Die Arbeits- und gesellschaftliche Anerkennung ist gering und der Krippenjob wird als „süss, du spielst den ganzen Tag mit den Kindern“ oder „wie schön, du kannst den ganzen Tag gemütlich Café trinken“ betrachtet…

Irgendwie haben die Menschen noch nicht realisiert, wie wichtig die Arbeit mit den Kindern ist und was für eine grosse Leistung wir Tag für Tag unter schwierigen Arbeitsbedingungen auf den Tisch legen